Mein lieber Schwan
Er steht für Liebe und Treue, für Anmut und Reinheit, und er gibt jedem noch so faden Kurpark die nötige Eleganz: Der Schwan ist das Signature-Tier, wenn es um Ästhetik geht. Aber nur, solange man ihm nicht zu nahe kommt. Denn dann kann er ganz schön ungemütlich werden. Das Psychogram eines völlig verkannten Aggro-Vogels.
Kärnten hat den Wörthersee, den Weissensee, den Faakersee und noch über 1.200 weitere Seen, seit 1961 zählt auch der Völkermarkter Stausee dazu. Er liegt im Lavanttal, eingebettet zwischen der sanft hügeligen Saualpe und den kratzbürstigeren Karawanken. Man kann drüber streiten, ob in einem Land, das mehr als 1.000 Seen ein aufgestauter Fluss auch als See zählen kann, aber andererseits hat er eine enorme touristische Anziehungskraft. Nein, er lockt keine Camper:innen und auch keine Holländer:innen wie der Klopeinersee gleich daneben an, dafür hängen seit knapp einem Jahr hängen hier rund 200 Schwäne ab.
Schwäne?
Das klingt zunächst einmal romantisch: Schwäne im Wasser, weiße Eleganz vor dunklem Grund: Das ist der Stoff, aus dem Postkarten gemacht werden. Aber Tiere können eben auch nicht von Luft und Liebe allein leben. Sie fressen Fische, Insekten, Gras und andere Pflanzen und das ganz gerne auch von umliegenden Äckern.Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und wo gefressen wird, da lassen Schwäne auch ein bisschen was fallen. „200 Schwäne gegen Kärntner Landwirte: Schwan-Plage in St. Kanzian, titelte der „Kurier“. „Bauern beklagen zu viele Schwäne auf Äckern“, schrieb der ORF Kärnten. Und laut dem „Standard“ stand wegen der Schwäne, die durch Felder ziehen, sogar das ganze Bundesland vor der Spaltung. Aus dem Stausee, den die ÖBB angelegt haben, um einen Ausgleich zu den Flächen zu schaffen, die durch den Bau des Koralmtunnels verbaut worden sind, ist also zunächst einmal ein Paradies für Wasservögel geworden, wildromantisch und sehr vielfältig. Aber dann, mit knapp 200 Schwänen, wurde es zum Problem.
Die Kärnter:innen sind damit aber längst nicht mehr alleine. Auch in Oberösterreich, am Attersee oder am Traunsee, steht man vor ähnlichen Herausforderungen. Aus ein paar Schwänen wurden ein paar Schwäne zu viel. Was, bitte schön, ist da los?
Frage des Image
Eigentlich ist der Schwan das denkbar ungeeignetste Tier für eine Karriere als Problemfall. Denn kaum ein anderes Tier hat es geschafft, sich derart erfolgreich aus der Kategorie „Wildtier“ herauszuschummeln. Kaum ein Tier wird so sehr mit Liebe, Würde, Noblesse und Schönheit verbunden. Die Mehrheit der Menschen kann sich auf Schwäne einigen, jede:r weiß, was ein Schwan ist, selbst wenn man noch so ahnungslos beim Thema Vögel ist.
Und die Rolle als „Poster-Tier“ hat er ja schon lange: In der griechischen Mythologie verwandelt sich Zeus in einen Schwan, um Leda zu verführen; der römische Dichter Ovid lässt in den „Metamorphosen“ zwei Männer namens Kyknos zu Schwänen werden (von dieser Erzählung stammt übrigens die lateinische Bezeichnung des Schwans: „Cygnus“, Anm.). In mittelalterlichen Sagen wird er zum Zeichen von Reinheit und göttlicher Ordnung. In Richard Wagners gleichnamiger Oper lässt Lohengrin sein Boot von einem Schwan ziehen und Hans Christian Andersen lässt im Märchen das hässliche Entlein nicht ohne Grund zum schönen Schwan werden. In England schaffte er es irgendwann überhaupt zum Statussymbol von Großgrundbesitzer:innen und irgendwann auch zum königlichen Eigentum (formal gilt übrigens heute noch, dass alle „unmarkierten“ Schwäne der britischen Krone gehören, Anm.), und weil er gern in den romantischen Kulissen von Schlossweihern oder Kurparks lebte, prangt er auch überdurchschnittlich oft auf Wappen.
Dass Schwäne außerdem meist lebenslange Paarbindungen eingehen, hat dieses romantische Bild zusätzlich verstärkt. Wenn man so will, ist der Schwan für uns Menschen also vor allem eines: eine Projektionsfläche. Und vielleicht ist die Schönheit der Schwäne auch ihr Fluch. Aufgrund ihrer Erhabenheit halten wir sie für irgendwie höhere Wesen. Edel, hilfreich und gut. Niemand würde von einem Reiher – übrigens auch nicht ganz unelegant – denken, dass er besonders gut erzogen ist. Von einem Schwan aber erwarten wir uns, dass er sich ordentlich benimmt. Majestätisch. Besonnen. Ruhig. Dass sich Landwirt:innen über ihn beschweren? Oder Schwäne gelegentlich Schwimmer:innen mit dem Schnabel attackieren? Das passt da einfach nicht ins Bild. Kate Middleton und Alexandra Gürtler würden das ja auch niemals tun. Offenbar blendet uns das edle Weiß so sehr, dass wir vergessen: Schwäne sind Wildtiere. Mit allem, was dazugehört.
Wenn wir in Österreich von Schwänen sprechen und damit auch von den Schwänen aus den Schlagzeilen, handelt es sich in der Regel um sogenannte „Höckerschwäne“. Sie sind die häufigste Schwanenart des Landes, weißes Gefieder, gebogener Hals, schwarzer Höcker auf der Nase, mehr als zwölf Kilo schwer, mit einer Flügelspannweite von bis zu zweieinhalb Metern. Sie werden nicht selten 20 Jahre alt. Dass diese Tiere sowohl als romantische Treuesymbole als auch als streitlustige Problemvögel wahrgenommen werden, ist dabei gar kein Widerspruch. Richard Zink von der Österreichischen Vogelwarte der Veterinärmedizinischen Universität Wien beschäftigt sich seit Jahren (nicht nur, aber auch) mit dem Verhalten von Schwänen. „Zur Sicherung optimaler Aufzuchtbedingungen gehen Schwäne tiefgehende Paarbeziehungen ein und verhalten sich während der Brut territorial“, sagt er. Soll heißen: Schwäne sind es gewohnt, ihren angestammten Platz zu verteidigen, und zwar gegen alles und jede:n, egal, ob es sich um einen anderen Vogel handelt, eine Kuh auf der Weide oder eine:n Schwimmer:in im Millstätter See.
Vor allem in den Brutphasen wären die Tiere besonders aggressiv, und das hätte sich in den vergangenen 30 Jahren auch noch massiv gesteigert, sagt der Forscher. Das liegt nicht an den Tieren, sondern daran, dass sich der Lebensraum der Schwäne und der der Menschen immer weiter überschneidet. Egal, ob Seen, Uferzonen, Teiche oder die Wiesen neben dem Wasser: Überall, wo sich der Schwan aufhält, finden wir Menschen es auch sehr hübsch.
Sehr zum Leidwesen der Schwäne.
Wobei: Für Menschen, die es nicht besser wissen, gehört das Schwänefüttern zum Freizeitprogramm. Auf Liegewiesen, an Bootsanlegern oder an hochfrequentierten Seepromenaden: Oft schaut es dort so aus, als hätte der örtliche Bäcker sein überflüssiges Brot nicht an Bedürftige verschenkt, sondern ins Wasser gekippt. Das sorgt aber nicht nur dafür, dass sich die Tiere an Menschen gewöhnen, sondern auch, dass sie sich an bestimmten Orten dauerhaft ansiedeln. „Falsch verstandene Tierliebe“ ist das für die Expert:innen der Stadt Wien. Und auch „BirdLife Österreich“ warnt seit Jahren davor, dass regelmäßiges Füttern viele Wasservögel anlockt. Das Problem ist inzwischen so präsent, dass in Oberösterreich sogar Strafen von bis zu 20.000 Euro drohen können, wenn Wasservögel gefüttert werden.
Gleichzeitig entstehen immer neue künstliche Gewässer, renaturierte Uferzonen oder Ausgleichsbiotope wie jenes in St. Kanzian. Das sind ideale Lebensräume für Schwäne – und dummerweise nicht nur für sie. Schwäne sind nämlich keine Tiere, die besonders gerne teilen.
„Gerade mit der Landwirtschaft gibt es oft Probleme“, sagt Johannes Hohenegger von „BirdLife Österreich“. Eine generelle „Schwanen-Plage“, wie sie die Boulevardmedien ausrufen, sieht der „BirdLife“-Experte aber nicht: „Auf Gesamt-Österreich betrachtet ist das ein sehr, sehr lokales Problem.“ Es geht nicht um die Gesamtzahl der Schwäne, sondern um die Konzentration an bestimmten Gewässern. Hohenegger: „Wenn jetzt ein Paar irgendwo auf Nahrungssuche geht, führt das normalerweise nicht zu einem ernstzunehmenden Konflikt. Aber wenn den ganzen Winter ein Trupp mit 60 oder 100 Höckerschwänen immer wieder dieselbe Fläche anfliegt, dann ist das teuer für die Landwirte.“ Und genau das ist eben das Problem in Kärnten. Oder am Attersee. Oder auch entlang der Donau.
Tatsächlich wächst der Bestand des Höckerschwans in Österreich laut „BirdLife“ seit den 1980-Jahren kontinuierlich. Zwischen 450 und 650 Brutpaare leben mittlerweile in Österreich, die meisten davon in Oberösterreich, insbesondere im Salzkammergut sowie entlang von Inn, Donau, Traun und Enns. Schwäne sind prinzipiell auf offene Gewässer angewiesen. Und weil heute deutlich weniger Seen und Flüsse zufrieren als noch vor einigen Jahrzehnten, verbringen mehr Tiere den Winter in Österreich. Da sie hier aber wenig natürliche Feinde haben, vermehren sie sich auch noch stetig. Gleich mehrere Jungtiere zieht ein Schwanenpärchen groß – und sie bleiben dabei ihren Brutplätzen treu. „Mir sind Standorte bekannt, da wechseln Schwäne mal vielleicht 200 bis 300 Meter von links nach rechts“, sagt Richard Zink, der Ornithologe von der Vetmeduni. „Aber es ist immer derselbe Bereich, wo diese Schwäne Jahr für Jahr brüten.“
Ein ausgewachsener Schwan frisst täglich mehrere Kilogramm Pflanzen. Das ist ziemlich viel Nahrung für ein einzelnes Tier. Wo Dutzende oder gar Hunderte Tiere auf engem Raum zusammenkommen, bleiben die Folgen deshalb nicht aus. Und auch der Ärger mit den Menschen. Denn was macht man, wenn die Romantik längst vorbei ist und der Schwan nicht mehr als Lockvogel der großen Gefühle gilt, sondern als einziges Ärgernis?
Keine einfachen Lösungen
Schwäne darf man jagen, nicht in allen Bundesländern und auch nicht alle Arten, aber in Ober- und Niederösterreich Höckerschwäne unter bestimmten Auflagen schon. Sie gelten als „bejagbares Federwild“ und dürfen im Herbst und im Winter erlegt werden, um Schäden an der Fischerei oder an landwirtschaftlichen Kulturen zu regulieren. Zur Brutzeit im Frühjahr ist das aber verboten und in den großstädtischen Gebieten, etwa auf der Wiener Donauinsel, sowieso. Und anders als etwa im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, als Schwäne als besondere Delikatesse an den Fürstenhöfen galten, spielen sie heute in der Gastronomie keine Rolle. Ihr Fleisch gilt als zäh, soll angeblich nach Fisch schmecken, aber im Gegensatz zu diesem nicht sehr gesund sein. Soll heißen: Zumindest in Mitteleuropa wird auch in den kommenden Jahren wohl niemand als extravagantes Valentinstagsgeschenk einen Schwan servieren können.
Also was macht man dann mit den Tieren, wenn sie zu viel werden? „BirdLife“ regt an, dass betroffene Bauern kleine Flächen den Schwänen bewusst überantworten und sie dort eventuell sogar anfüttern, damit sie andere Flächen in Ruhe lassen.
Aber ob das wirklich funktioniert oder ob die Bauern dann die Rechnung ohne die Schwäne machen?
Fest steht: Es gibt wohl keine einfachen Lösungen. Auch sogenannte „Vergrämungsmaßnahmen“ seien nur bedingt wirksam, sagt Johannes Hohenegger von „BirdLife“. „Vergrämungsmaßnahmen“ ist dabei die schöne Umschreibung für Schrot, Jäger und Gewehre. „Wenn die Höckerschwäne lernen, auf dem einen Acker wird regelmäßig auf uns geschossen, dann werden sie dort eher nicht mehr hinfliegen. Das verlagert allerdings nur das Problem.“ Die Tiere suchen sich dann schlicht die nächste geeignete Fläche.
Und ganz ehrlich: Gibt es wirklich zu viele Schwäne? Die Antwort auf diese Frage hängt auch ein bisschen von der persönlichen Position ab. Denn was für die Bauern und Fischer ein Problem ist, das ist für manche Naturschützer:innen eine große Erfolgsgeschichte. Jahrhundertelang wurde der Höckerschwan gejagt, so lange, bis er fast ausgestorben war.
Aber eine gute PR-Kampagne samt der Charakterisierung als Romantik-Vogel hat ihn zu einem der bekanntesten Wasservögel Europas gemacht. Und damit von der „Roten Liste“ geholt. Für viele Menschen gehört er zum Bild eines Sees, zumindest, solange er niemanden attackiert. Für Johannes Hohenegger von „BirdLife“ sind aber ohnehin wir Menschen das größte Problem. Oder besser: Unser Zugang zur Umwelt: „Wir haben keine Ahnung von Wildtieren und wissen nicht, welche Rolle sie in der Natur spielen. Wir teilen uns mit ihnen einen Lebensraum. Da können wir nicht alles, was natürlich ist, ausschließen.“
Soll heißen: Wer am Valentinstag Schwäne sehen will, der muss damit leben können, dass der Schwan auch manchmal austreten muss.
Sandra Jungmann und Sanna Hätönen
hatten schon vor diesem Beitrag gesunden Respekt vor Schwänen und werden ihnen auch weiterhin gebührend aus dem Weg gehen.