Gruselgeschichten
Mein kleiner Horrorwald
In wenigen Wochen ist es wieder so weit: Die Kürbisse kommen vor die Haustür, die Kinder hüpfen ins Gespensterkostüm und rufen laut: „Süßes, sonst gibt’s Saures!“ Der Herbst ist die Zeit von Halloween und Horror. Dabei erzählen manche Waldtiere die gruseligsten Schauergeschichten.
Krötengoldfliege
Das Schweigen der Kröten
Die Larven der Krötengoldfliege begehen ihre Morde am helllichten Tag, kommen aber ungestraft davon. Das Weibchen legt seine Eier ganz gezielt auf den Kopf oder Rücken der Erdkröte. Die Larven schlüpfen, kraxeln in die Nasenlöcher und fressen sich von innen durch Haut, Knorpel und Knochen. Wenn sie satt sind und die Kröte völlig entstellt daliegt, flüchten die Maden nicht. Sie graben sich noch am Tatort in den Boden und verpuppen sich. Der Vorteil: Wenn sie wenige Wochen später als goldgrün schillernde Fliegen aus der Erde schlüpfen, haben sie mit ihrem Phantombild nichts mehr gemeinsam.
Kohlmeise
Fettabsaugen für Anfänger
Kohlmeisen lieben Fett, und dieser Fakt allein mag für Pilates-Fans und Protein-Junkies schon eine Gruselgeschichte sein. Doch was die kleinen Vögel alles tun, um an das Fett zu kommen, ist gleichzeitig beeindruckend und skrupellos. Schon vor 100 Jahren pickten sie in Großbritannien die Aludeckel von Milchflaschen auf, um die Rahmschicht zu erbeuten. Ihre Artgenossen am europäischen Festland gehen heute sogar einen Schritt weiter. Um ihren Hunger zu stillen, machen sich die Kohlmeisen auf die Jagd nach Zwergfledermäusen, die in dunklen Höhlen überwintern. Dann picken sie keine Deckel von Milchflaschen mehr auf, sondern die Rücken der hilflosen und schlafenden Fledermäuse, um das Fett herauszufressen. Klingt nach einem ziemlichen Albtraum.
Wasserkalb
Inside out
Viele Parasiten sind geduldig. Sie warten meistens nur darauf, bis sie von ihrem Wirt gefressen werden. Doch das Wasserkalb, auch „Brunnendrahtwurm“ genannt, übernimmt lieber selbst die Initiative. Als Larve bohrt es sich unter die Haut von Insekten und wächst dort eifrig weiter. Irgendwann füllt es den kompletten Wirtskörper aus und wird im Extremfall bis zu einem Meter lang. Wenn der Parasit ausgewachsen ist, manipuliert er sein Opfer und zwingt es, ins nächstgelegene Wasser zu kriechen. Dort bohrt er ein Loch in die Gelenkhaut oder den After, lässt den Wirt tot oder unfruchtbar zurück und geht danach ganz entspannt eine Runde planschen.
Herbstzeit ist Erntezeit, Herbstzeit ist Grippesaison – und Herbstzeit ist die Gelegenheit, sich wieder einmal so richtig zu fürchten. Allerspätestens im Oktober, wenn Halloween ansteht und beleuchtete Kürbisse die Gäste vor der Haustür begrüßen. Dann laufen über die Bildschirme wieder gruselige Filmklassiker: von der „Addams Family“ über „A Nightmare on Elm Street“ bis hin zu „Hocus Pocus“. Hexen und Vampire huschen über den Bildschirm, saugen Blut und verhexen ihre Feinde. Tote erwachen als Zombies wieder zum Leben und gehen auf Menschenjagd, und Geister spuken über neblige Anwesen.
Diese Gruselgeschichten haben immer etwas Übernatürliches an sich, von dem wir eigentlich wissen, dass es das nicht gibt, das uns aber trotzdem ein mulmiges Bauchgefühl beschert, wenn wir am Tag danach die Übergangsjacke aus dem Keller holen müssen. Aber brauchen wir überhaupt ausgedachte Geschichten, um uns zu fürchten? Oder würde ein Spaziergang im heimischen Wald schon ausreichen? Schließlich passieren in der Natur schon genug Dinge, die einen schauern lassen. Nicht nur Tiere wie die Schwebfliege, die sich als Wespe oder Biene verkleidet, wie es Kinder auf einer Halloween-Party tun, oder solche wie der Totengräberkäfer, die einen unangenehmen Namen bekommen haben. Sondern so richtig gruselige Sachen.
Parasiten wie der Kleine Leberegel oder das Wasserkalb, die ihre Wirte nicht nur als neues Wohnzimmer nutzen, sondern mithilfe chemischer Stoffe Gehirn oder Muskeln übernehmen und das Opfer zum eigenen Vorteil in den Tod steuern. Die Kohlmeise, die schlafenden Fledermäusen das Rückenfett herausfrisst, oder die Krötengoldfliege, die sich quer durch die Organe von Kröten mampft. Was da alles in den düsteren Ecken des Waldes vor sich geht, ist wirklich nichts für schwache Nerven. Doch das Eklige gehört, genau wie das Grausame, zu einer intakten Natur dazu. Wir kennen das alle aus „Universum“ am Dienstagabend, wenn der Löwe die hinkenden Gazellenbabys verspeist. Ohne Zögern und ohne Mitleid. Im heimischen Wald ist das nicht anders als in der afrikanischen Savanne, erklärt Claudia Kubista, Biologin und Naturraummanagerin bei den Österreichischen Bundesforsten: „Aus biologischer Sicht ist es überhaupt nichts Negatives. Es sieht natürlich schlimm aus, wenn sich die Heuschrecke ins Wasser stürzt oder die Kröte ein zerfressenes Gesicht hat, aber auch der Parasit ist ein Lebewesen, das seine Rolle im Ökosystem spielt.“ Je vielfältiger dieses System ist, desto stabiler ist es. Deshalb werden auch die Waldbewohner gebraucht, deren Verhalten wir nicht so sympathisch finden: „Der Parasit hat ein einfaches Ziel: Er möchte zur Reproduktion kommen und sich und seine Nachkommen auf den besten Weg bringen“, sagt Kubista, die die Kreativität der Natur zu schätzen weiß: „Wenn er es dabei schafft, den Wirt wirklich so zu steuern, dass er seinen Wünschen entspricht, ist das schon sehr faszinierend.“
Faszinierend, ja, aber auch ein bisschen beunruhigend. Schließlich verbringen auch wir Menschen mehr als genug Zeit in der Natur. Wir gehen dort spazieren, sammeln Früchte oder Pilze. Müssen wir uns jetzt jedes Mal vor all diesen gruseligen Lebewesen fürchten? Nein, so Claudia Kubista: „Wer normal im Wald spazieren geht, muss sich keine großen Sorgen machen. Die meisten Parasiten befallen wirklich nur sehr spezifische Wirte.“ Und dazu zählen zum Glück keine Menschen. Trotzdem gibt die Expertin einen Tipp für den nächsten Waldbesuch mit: „Waschen ist nie verkehrt, sowohl Hände als auch das gefundene Essen.“ Denn gegen Bakterien und Viren ist die richtige Seife noch viel wirksamer als die Knoblauchzehe zur Vampirabwehr.
Hirschlausfliege
Vampire Diaries
Egal ob Graf Dracula, Graf Orlok aus „Nosferatu“ oder Edward Cullen aus der „Twilight“-Saga: Die Filmwelt ist voll berühmter Vampire, die scharf auf das Blut ihrer Opfer sind. Die Vampire unserer Wälder sind die Hirschlausfliegen. Allerdings saugen sie keine Menschen aus, sondern Hirsche, Dachse und Wildschweine. Sie attackieren ihre Ziele aus der Luft, krallen sich mit kleinen Enterhaken fest und brechen sogar ihre Flügel ab, weil sich ab dem Moment alles nur noch ums Blut dreht. Sie saugen und saugen und bringen lebende Larven auf die Welt, die sich am Boden verpuppen und wenig später selbst auf Hirschjagd gehen. Und noch einen Unterschied zu Dracula gibt es: Die Hirschlausfliege gibt es wirklich.
Kleiner Leberegel
Kontrollverlust
Manchmal hat man sich einfach nicht mehr unter Kontrolle. Das Gefühl kennen wir Menschen gut, und das gilt auch für einige Ameisen. Wenn die Insekten kleine Schleimbällchen fressen, sind sie nicht mehr Herr ihrer selbst. In den Bällchen lauern die Larven des Kleinen Leberegels, eines echten Masterminds der Natur. Sind die Eindringlinge einmal in der Ameise angekommen, wandern sie in ihr Gehirn, übernehmen die Kontrolle und zwingen sie, sich mit ihren Mundwerkzeugen auf einer Pflanze festzubeißen. So wird die Ameise zum Leckerbissen für das eigentliche Ziel des Parasiten. Egal ob Kuh, Schaf, Reh, Pferd, Hund oder Hase: Hauptsache, der Egel kommt in den Gallengang eines größeren Tiers. Dort kann er jahrelang leben und Eier legen.
Parasitischer Saugwurm
Übernahme im Schneckentempo
Er wächst nicht nur über sich selbst hinaus, sondern auch über die Bernsteinschnecke, die er befällt. Der Saugwurm lässt aus den Fühlern seines Opfers eine bunte, pulsierende „Fühlermade“ wachsen, die Vögel für eine fette Raupe halten. Das sieht ein bisschen aus wie in den „Alien“-Filmen von Regisseur Ridley Scott. Damit die Vögel den Köder sicher erkennen, steuert der Wurm die Schnecke auf gut sichtbare Blätter, direkt auf den Präsentierteller quasi. Einmal vom Schnabel geschnappt und verschlungen, entwickeln sich die Larven des Saugwurms im Verdauungstrakt und legen dort ihre Eier ab, die über den Vogelkot zurück in die Natur kommen. Um dort von der nächsten Schnecke gefressen zu werden.
Gemeine Eichengallenwespe
Wie verhext
Sie erinnert an eine gute alte Hexe, die befallene Eiche. Dicke, fleischige, warzige Beulen hat sie, die sich von Grün zu Gelb zu Rot verfärben, immer weiter wachsen und steinhart werden. In diesen Gallen an der Unterseite ihrer Blätter sammelt sich aber kein Eiter, stattdessen verstecken sich dort die Larven der Gemeinen Eichengallwespe, die in der geschützten kleinen Kammer heranwachsen und schlüpfen, wenn die Galläpfel im Herbst zusammen mit den absterbenden Blättern auf den Waldboden knallen. Der Eiche ist das ziemlich egal, denn der Befall schadet ihrer Gesundheit nicht, nur dem Aussehen. Aber es kommt ja zum Glück auf die inneren Werte an.
Valentin Kasagranda
hatte beim Schreiben dieser Geschichte regelmäßig das Gefühl, dass irgendwo ein kleines Insekt auf seinem Körper herumkrabbelt.