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Lisa Edelbacher
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Craig Dillon

Design

Willkommen in der Piep-Show

Corona hat Mensch und Natur ganz eng zusammengebracht. Und weil so viele von uns so viel Natur wie möglich wollen, gibt es derzeit fast nichts, was sich ein Gartler sehnsüchtiger wünscht, als richtig schöne Vogelhäuser. Wir haben über diesen Wunsch nachgedacht und uns gleich selbst eines gebaut. 

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Mehr Designobjekt als Futterkiste: Für WALD hat der Künstler Constantin Gröbner dieses 80x60x40 cm große Vogelhaus konzipiert und gebaut. Es gibt, wenig überraschend, daher nur dieses eine Exemplar. 

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anchmal passiert es dann doch und es werden Wünsche wahr, zumindest halb. Manchmal kommt einer rein, mit ein paar Ästen für den Boden, er hat Moos dabei, einen Farn und auch ein paar Haare übrig, damit es am Ende schön kuschelig wird. Manchmal zieht dann wirklich jemand ein. Wie schön! Ist es da noch wichtig, ob derjenige Flügel hat oder doch eigentlich was falsch verstanden? Weil wenn aus einem Vogelhaus ein Zuhause wird, hat sich irgendwer in der Tierwelt meistens vertan. Ein Vogel ist nämlich eher nicht der heimelige Typ, der länger bleibt. Wenn jemand einzieht, dann ist es jemand mit buschigem Schwanz – ein Siebenschläfer, ein Eichhörnchen oder eine Haselmaus. Aber das geht jetzt schon ein paar Schritte zu weit. Also von vorne. 

Corona, das ist ganz offensichtlich, hat Mensch und Natur näher zusammengebracht. Wildschweine waren während des Lockdowns auf Einkaufsstraßen unterwegs, Bären haben sich auf Supermarktparkplätzen herumgetrieben und vor Venedig sah man plötzlich wieder eigenartig große Fische und als man genauer hinsah, staunte man nicht schlecht, dass sich die Delfine wieder in die Nähe der überlaufendsten Stadt der Welt trauten. Im Schatten dieser großen Ereignisse gab es aber noch eine Annäherung, sie fand leise und unscheinbar statt, dafür aber zu Tausenden. Es gibt davon keine Bilder, aber es gibt Zahlen. Menschen mit Garten verbrachten dreimal so viel Zeit darin und noch viel wichtiger: Ein Viertel der Österreicher:innen investierte viel mehr Geld in das bisschen Wiese vor ihrem Haus als davor. Und ein nicht unbeträchtlicher Teil davon floss in einen Boom, der so nicht zu erwarten war: Die Menschen kauften Insektenhotels, Bienenappartements, Eichhörnchenheime, Igel-Iglus und Hummelburgen und sie investierten vor allem in Vogelhäuser, und zwar wie! Corona hat, so scheint es zumindest, ein Urbedürfnis geweckt, das über einfache Naturverbundenheit hinausgeht und das jeder Mensch kennt, der schon mal ein aus dem Nest gefallenes Küken gefunden hat. Retten! Schützen! Behalten! Der Mensch möchte der Natur ein Zuhause geben.

Vergangenen Herbst erschien im großen „New Yorker“ ein – das muss man vielleicht dazusagen – unironischer Art-ikel mit dem Titel „The Best Birdhouses“. Birding, also das Beobachten von Vögeln, schreibt die Autorin, sei in Hudson Valley, wo sie wohne, nicht bloß ein Hobby, sondern ein Lebensstil. Beinahe alle würden dort ein Vogelhaus besitzen, ihre Eltern sogar sechs. Und sie empfiehlt: Jeder, der genügend Platz habe, soll sich eines zulegen. Vielleicht, weil sie schon ahnte, dass der bevorstehende Corona-Winter sehr lange und bleigewichtig werden würde. Aber auch, weil Birding jetzt eben ein „thing“ sei. Am Schluss hatte sie noch einen wichtigen Hinweis für alle Birding-Newbies: Nicht immer ist bunt und protzig auch beliebt bei den Vögeln. 

Der Wald, das wird schließlich oft übersehen, ist weit mehr als die Summe seiner Bäume. Und er lebt von der Vielfalt. Seit jeher ist er ein Wohnprojekt der Extraklasse. Hier tobt das Leben, auch wenn manchmal nur die einsamen Rufe eines Kuckucks zu hören sind und Menschen diese große Stille lobpreisen. 12.000 Arten und Pflanzen leben im Wald. Einige davon sind so an diesen einzigartigen Wohnraum angepasst, dass sie woanders überhaupt nicht zurechtkommen würden. Mehrere Hundert Arten haben übrigens gerade jene Zone im Wald für sich entdeckt, die Menschen kaum wahrnehmen können: den Waldboden. Auch hier lässt es sich herrlich gemütlich und heimelig leben, lieben und arbeiten. Asseln, Milben, Spinnen, Springschwänze und Bakterien wissen schließlich, was gut für sie ist!

Doch die Zeit ist auch am Leben im Naturjuwel Wald nicht spurlos vorübergegangen. Mancherorts sind Zonen entstanden, die gewissermaßen an Ghettos erinnern. Das Angebot wurde eingeschränkt, Massenlösungen sollten für alle taugen, aber das taten sie nicht: Manche Waldbewohner mussten sich Alternativen suchen oder sich sammeln, wo es noch halbwegs ging. Manche, wie rund die Hälfte der Waldvogelarten, werden nur noch äußerst selten gesehen.

Der Trend heute ist hingegen ein gänzlich anderer: Zurück zur Vielfalt, denn sie macht das Wohngefüge auch stabiler! Je besser wir Ihre individuellen Wünsche kennen, umso besser können wir sie erfüllen! Jeder und jede ist heute schließlich willkommen, sich hier im Wald wohlzufühlen, und soll alles vorfinden, was für ein erfülltes Leben wichtig ist! 

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Für das Haus wurden mehrere Holzarten verwendet, darunter auch Bambus. Er gibt dem Eingangsbereich die passende Ästhetik – inklusive schönem Lichteinfall, wenn die Sonne richtig steht. 

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ber stimmt das wirklich? Will sich tatsächlich jetzt auch jeder Vorstadt-Bobo die Vögel oder anderes Getier in den Garten holen? Anruf in Wadersloh beim deutschen Vogelhaus-Picasso Aloys Brüggemann, der von seinen Vogelhäusern sagt, wenn was fehlt, dann maximal die Fußbodenheizung. Und, viel zu tun? „Wahnsinnig viel, ich komm kaum hinterher“, sagt er. Brüggemann baut Luxus-villen, Pavillons, Pagoden oder Windmühlen für Vögel, also im weitesten
Sinne. Seine Detailversessenheit geht so weit, dass er sogar winzige Türschlösser für seine Häuser bastelt. Preispunkt: Mehrere Tausend Euro. Zwei Jahr-e müsste man mittlerweile auf eines seiner Häuser warten. Brüggemann sagt, dafür würde man halt auch ein Statussymbol für den Garten bekommen. Und woher, glaubt er, kommt der Boom? „Vielleicht sehnt man sich nach ein bisschen Kontrolle?“, sagt er. Weil schön sei sie ja schon, die heile Welt im Alpen-hausstil. 

Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss schreibt in seinem bekanntesten Buch „Wildes Denken“, dass „alle Miniaturen eine intrinsische ästhetische Qualität zu haben scheinen“. Dass wir nun mal so fasziniert seien von kleinen Objekten, weil wir sie in ihrer Gesamtheit sehen und verstehen können. Das macht die Welt nicht nur weniger bedrohlich, sondern lässt den Menschen auch überlegen fühlen, er könne die Perspektive Gottes einnehmen.

Die Beziehung zwischen Mensch und Vogelhaus ist also vielleicht ein bisschen komplexer und hat – man ahnt es schon – mehr mit dem Menschen zu tun als mit dem Vogel. Weil ganz ehrlich: Interessiert es irgendeinen Spatz, irgendeine Meise oder irgendeinen Finken, ob die Körner aus einer Jugend-stilvilla, einer Almhütte oder einer leeren Milchpackung gepickt werden?

Die Beziehung zwischen Mensch und Vogelhaus hat mehr mit dem MenschEN zu tun als mit dem Vogel.

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atürlich tut es das nicht, aber es hält auch keinen Menschen davon ab, sich, wenn es ihn überkommt, vielleicht doch das „Amish Birdhouse Extra Large 14 Room Purple Martin“ zu kaufen, wie es im „New Yorker“ gezeigt wird, eine Riesenscheune im Amish-Stil, zweistöckig mit Holzvertäfelung und Veranda und auf dem Dach ein Texasrad. Wie der Name schon sagt, würden sich die Käufer dann wünschen, dass sich Purpurschwalben dort ihr Essen holen, die, so wie die Amish People auch, in Kolonien unterwegs sind.

Wer jetzt sagt: „Moment mal, niemand lebt bei uns wie vor 300 Jahren, kein Mensch und auch kein Vogel“, der hat natürlich recht. Aber es gibt auch Modelle für den zeitgenössischen Flattermann, sie heißen VHT-1 oder NeighBirds, sie kommen im Bauhausstil oder im Futurismus. Apropos: Gerade wird in der Birdhouse Gallery of Contemporary Miniature Art in New York die neue Ausstellung kuratiert.

Wer glaubt, ein Vogelhaus hätte noch irgendwas mit einem Holzkasten mit Loch drin zu tun, war bestimmt schon ewig auf keiner Designmesse mehr und hatte auch keines dieser Interieurhefte in der Hand, in denen ziemlich alles in der Preiskategorie eines Neuwagens liegt. Jetzt eben auch Vogelhäuser – Pardon: Bird-Apartments. 

Ein Blick ins Internet zeigt, dass sich nach der großen Zufriedenheit, jetzt endlich einen kleinen Vogelpalast für den Garten gekauft zu haben, nicht selten der Frust auf der Terrasse gemütlich macht. Wenn keine von den guten Vögeln kommen, also von denen, die so schön singen oder super aussehen. Oder, noch viel schlimmer, was tun, wenn gar keiner kommt? User „lolipop“ schreibt in einem Forum für Vogelliebhaber, dass er wirklich alles versucht habe, er habe schon die Nachbarskatze verscheucht, das Futter gewechselt, sogar ein ganz neues Vogelhaus gekauft. Diesmal im Almhüttenstil. Aber es kommt einfach nichts daher. Kein Rotkehlchen, keine Amsel, keine Meise, nicht mal die Elster, die eh niemand dahaben will, aber trotzdem. „lolipop“ versteht die Welt nicht mehr, immerhin habe er ja Hunderte Euro ausgegeben. 

Aber wofür eigentlich? Streng genommen für einen schönen Futtertrog. 

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Der wegstehende Ast ist so etwas wie die Aussichtsplattform für die Tiere. Er kommt direkt aus dem Garten des Künstlers – sein Nussbaum hat ihn diesen Herbst zu Boden geworfen. 

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as mag vielleicht sperrig und furchtbar nach Entzauberung klingen, ist aber darüber hinaus auch das Schlagwort einer Grundsatzdebatte, die es jedes Jahr zu Winterbeginn in die Lokalzeitungen schafft. Forstexperten sind sich nämlich nicht einig: Skeptiker der Wildtierfütterung argumentieren, dass den wildlebenden Vögeln durch die Vogelhäuser eine zusätzliche, eigentlich nicht natürliche Nahrungsquelle geboten wird. Tiere würden auch im Winter weiterhin genug Nahrung finden. Außerdem seien Vogelhäuser meistens dreckig und Umschlagplätze von Viren, Parasiten und Bakterien. Die Fütterung, so die Vogelhausgegner, diene allein dem menschlichen Voyeurismus und nicht dem Vogel. Autsch. Das trifft die Menschen, die es freilich nur gut meinen mit dem Vogel. Aber es gibt ja eben noch die andere Seit-e. „Der Schaden an der Natur, der durch unsaubere Vogelhäuser verursacht wird, ist nicht nachzuweisen“, sagt Bernhard Pfandl-Albel, begeisterter Ornithologe und Betriebsleiter-Stellvertreter im Forstbetrieb Kärnten-Lungau bei den Österreichischen Bundesforsten (ÖBf). Es fehlen nämlich die Erhebungen. Befürworter sehen im Vogelhaus hingegen eine – wenn auch winzig kleine – Wiedergutmachung der menschlichen Zerstörungs- und Verbauungswut, die den Tieren Nahrung und Lebensraum nimmt.

„Ein Nistkasten leistet sehr wohl einen Beitrag zum Artenschutz, in manchen Regionen sind die Vögel sogar auf Nisthilfen angewiesen“, sagt der Expert-e. Und deshalb spricht für das Vogelhaus eigentlich eine ganze Menge. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es gerade ziemlich schlecht um manches Ökosystem steht. Bei den Vögeln heißt das konkret: Seit 1980 ist laut einer Studie des Centre for Conservation Science die Zahl der Vögel innerhalb der Europäischen Union um rund 600 Millionen Individuen zurückgegangen, weltweit sterben Vogelarten viermal so schnell aus, als bisher erwartet. Es liege nun an der Menschheit, so der Appell der letzten UN-Biodiversitätskonferenz in Kunming (China), die Erde und ihre Bewohner zu beschützen. 

Und ein Haus, das wissen wir nicht erst, seit pandemische Zeiten angebrochen sind, ist ja so was wie das Sinnbild von Schutz. Aber muss es deswegen gleich eine Villa sein?

Vogelhausbauer Brüggemann sagt, seine Kunden würden sich an einem schönen Haus nun mal mehr erfreuen. Warum es den Menschen jetzt so begeistert, wenn der Vogel auf einer Jugendstilvilla, einer Almhütte oder einer McDonald’s-Nachbildung landet, weiß er auch nicht. Klar scheint aber: Einen Futtertrog in den Garten zu stellen oder ein kleines, simples Kästchen reicht auch nicht mehr. Der Mensch möchte der Natur nahe sein, so kann man das natürlich sehen, aber ein bisschen schräg ist es schon, weil was bringt das schon, einem Tier ein Zuhause zu geben, das genauso aussieht wie das, worin wir wohnen, eben ein Haus?

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Die Treppen, sagt der Kopf hinter dem Vogelhaus, wären vor allem für das menschliche Auge gedacht. Ob Vögel sie verwenden wollen, ist noch unklar, wäre aber ein schöner Anblick. 

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n einem ganz bestimmten Fall war das aber sogar ganz richtig und wichtig so. Die tschechische Künstlerin Kateřina Šedá hat im Hintergarten des Altenheims in Hainfeld (Niederösterreich) die ehemaligen Häuser der Bewohner:innen als Vogelhäuser nachgebaut. „Ein Haus steht letztlich für das Zuhause und das Gefühl, das man damit verbindet. Und dieses Gefühl ist irgendwann nicht mehr einfach zu erfassen, wenn es nur noch in der Erinnerung existiert“, erklärt die Künstlerin. Mit der Hilfe vor ihren Augen hätten die Bewohner:innen dann aber begonnen, sich wieder ihrem alten Zuhaus-e anzunähern, sich um die Vögel darin zu kümmern. Viele von ihnen hätten so wieder Sicherheit zurückbekommen und verbringen jetzt mehrere Stunden am Tag im Freien bei ihrem Vogelhaus. 

Alles ist also doch nicht so daneben, auch wenn manches ein bisschen übertrieben wirkt. Noch ein Beispiel?
In Großbritannien, wo die Vogelhaus-dicht-e traditionell besonders hoch und Wildtierfütterung so was wie Bürgerpflicht ist, gelang dem Menschen mit ein paar winzigen Körnern tatsächlich Großes: Der Mönchsgrasmücke, einem Singvogel aus der Gattung der Grasmücken, wurde es so gemütlich gemacht, dass sie über den Winter gar keine Lust mehr hat, nach Südeuropa zu fliegen, sondern einfach dableibt. Futter gibt es ja genug. Wer also ein Vogelhaus besitzt, nimmt damit sehr wohl Einfluss auf die Welt da draußen. 

Und wenn die Vögel nicht kommen wollen, darf bei den meisten wahrscheinlich auch jemand anderer ein-ziehen. Hauptsache, irgendwer ist da, um den wir uns kümmern können.

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Lisa Edelbacher
hat keinen Garten und daher auch kein Vogelhaus. Nach der Recherche zu dieser Geschichte hat sie aber vielleicht eine Idee für das elterliche Weihnachtsgeschenk. 

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