Land ohne Läden
Im ländlichen Österreich verschwinden die Supermärkte allmählich. Jetzt sperrt auch noch die Kette Unimarkt alle Filialen zu. Wie in vielen Gemeinden in Österreich steht damit auch im steirischen Sankt Stefan ob Leoben der einzige Nahversorger vor dem Aus – und ein ganzes Dorf vor der Frage, wie es dann weitergehen soll.
Wenn Frau Hollatschek einkaufen geht, sieht es ein bisschen so aus, als wäre sie auf einer Mission. Die 82-Jährige schiebt ihren Rollator zielgerichtet über den Parkplatz des Supermarkts. Kaum ist sie hinter der Schiebetür verschwunden, wirkt jeder Handgriff wie ein Teil einer einstudierten Choreografie: Päckchen, Netze, Flaschen, alles landet zügig und präzise in ihrem Einkaufskorb. Seit Jahren findet Frau Hollatschek hier alles, was sie braucht. Doch damit könnte bald Schluss sein.
Ende September verkündete die Supermarktkette Unimarkt, dass alle 90 Filialen schließen werden. Etwas weniger als die Hälfte davon werden laut aktuellem Stand von der Konkurrenz übernommen, der Rest wird wohl zusperren, sollten sich nicht im letzten Moment noch mutige neue Eigentümer:innen finden. Noch ist unklar, welche Filialen genau betroffen sein werden, wahrscheinlich werden es aber eher nicht jene in den sogenannten „Frequenzlagen“ sein – sondern eher die mit wenig Umsatz, also die Filialen in den kleineren Gemeinden. Und genau darin liegt das Problem: Für viele Dörfer ist der Unimarkt nicht irgendein Geschäft, sondern der einzige Nahversorger weit und breit.
Eine aktuelle Studie zeigt, wie dünn das Netz an Supermärkten in ländlichen Regionen ohnehin schon ist: Rund 389 Gemeinden in Österreich haben keinen Nahversorger mehr, hochgerechnet betrifft das etwa 411.000 Menschen. Dazu kommen 580 Gemeinden, in denen es keine sogenannten „Vollsortimenter“ mehr gibt, also Geschäfte, in denen man alles bekommt, was man zum täglichen Leben braucht. Es mag also sein, dass man in diesen Orten noch Brot bekommt, aber keine Zahnpasta, dass irgendwer noch Milch verkauft, aber niemand mehr Wurst, Fleisch oder Obst.
Und diese Zahl wird noch massiv steigen.
Ein Montagmorgen im November in Sankt Stefan ob Leoben, Steiermark. Drinnen im Unimarkt haben die Verkäufer:innen an den Kassen und hinter der Feinkosttheke Position bezogen. Von der Decke baumeln Preisschilder wie übergroße Teebeutel, die Regale sind gut gefüllt und in fast jedem Gang steht eine Leiter. Eine Mitarbeiterin läuft zwischen Kassa, Postschalter und Lager hin und her. Nichts, wirklich gar nichts deutet darauf hin, dass hier bald für immer Ladenschluss sein könnte.
„Wir sind ein gutes Team und wollen zusammenbleiben“, sagt eine Mitarbeiterin, die gerade die Regale einschlichtet. Dass sie bald ihren Job verlieren könnte, beunruhigt sie kaum, erklärt sie, immerhin werde im Einzelhandel überall Personal gesucht. Was sie trifft, ist der Gedanke an die Kolleg:innen und Stammkundschaft, an Menschen, die sie über Jahre begleitet hat.
Bricht in kleinen Gemeinden wie Sankt Stefan mit ihren 1.800 Einwohner:innen die Infrastruktur weg, dann spürt es jede:r, besonders betroffen sind aber die letzten noch übrig gebliebenen Unternehmen. „Wenn ich wegen der Geschäftspost bis nach Leoben fahren muss“, sagt ein Mann im Blaumann, „verliere ich wertvolle Arbeitszeit.“ Noch während er spricht, rollt der Postbote mit seinem Transporter auf den Parkplatz und lädt mehrere Wagen voller Pakete ein. Ob auch Retouren an Amazon und andere Versandhändler:innen dabei sind,
ist nicht zu sehen – aber es ist sehr wahrscheinlich.
Die demografische Entwicklung von Sankt Stefan ist typisch für kleine Gemeinden abseits der Ballungsräume: Die Bevölkerung schrumpft, die Jungen ziehen weg und mit ihnen verschwinden die Selbstverständlichkeiten eines Dorflebens. Anfang der 1970er-Jahre lebten hier noch rund 2.400 Menschen, heute sind es 600 weniger. Auf acht Neugeborene kamen im Vorjahr 23 Verstorbene. Besonders spürbar wird das im Alltag: Der Fleischhauer sperrt nur noch bis Mittag auf, die Raiffeisenbank hat sich zurückgezogen und von den einst Dutzenden Wirtshäusern ist heute nur mehr eines übrig.
Immer wieder
Luftlinie 270 Meter vom Supermarkt entfernt sitzt Ronald Schlager im ersten Stock des Rathauses an seinem Schreibtisch. Durch das Fenster blickt der Bürgermeister auf den Dorfplatz, wo an diesem Vormittag kaum jemand unterwegs ist. „Es wäre nicht das erste Mal, dass unser Supermarkt schließt“, sagt er und verschränkt die Hände vor sich. Eine ganze Reihe von Franchisenehmer:innen habe in Sankt Stefan ihr Glück versucht, nicht immer seien die Übergänge glatt verlaufen. „Eine Zeit lang hatten wir gar keine Einkaufsmöglichkeit“, sagt Schlager. Besonders für ältere Menschen sei das schwierig gewesen. Damals ließ die Gemeinde kurzerhand einen Shuttle-Bus organisieren, der die Bewohner:innen ins Nachbardorf brachte. Und sollte der Supermarkt diesmal tatsächlich ganz verschwinden, würde man diese Lösung wieder einsetzen.
Um die Mittagszeit ist auf dem Parkplatz vor dem Unimarkt überraschend viel los. Autos rollen ein, die Fahrer:innen winken sich zu oder halten bei halb geöffneten Fenstern kurz an, um ein paar Worte zu wechseln. Manche holen schnell die Post ab oder heben Geld ab, denn ja, in Sankt Stefan ob Leoben gibt es noch einen Bankomaten, auch das ist in kleinen Orten nicht mehr selbstverständlich. Andere setzen sich noch für einen Moment auf eine Bank, um ihren Kaffee auszutrinken. Wieder andere schultern ihre Einkaufstaschen und bleiben im Gehen stehen, weil ihnen ein bekanntes Gesicht begegnet. Und für einen kurzen Augenblick wirkt der Parkplatz wie ein kleiner Dorfplatz.
Früher begegnete sich die Gemeinde im Wirtshaus, beim Frühschoppen oder in der Bäckerei. Heute erfüllt oft ein einziger Laden all diese Funktionen, ist der Supermarkt gleichzeitig Postfiliale, Bankschalter und Kaffeehaus in einem. Und wenn solche letzten Treffpunkte verschwinden, verliert eine Gemeinde natürlich mehr als nur praktische Infrastruktur.
Gleich neben der Gemeindeverwaltung liegt das Wirtshaus von Berta Bechter. Bechter ist inzwischen über 80 und öffnet nur noch sporadisch. Nach einer Knie-OP hat sie erst vor kurzem wieder aufgesperrt. Jetzt steht sie hinter der Schank, in einer holzvertäfelten Stube, in der sich der vertraute Geruch von Bier, Kaffee und dem Kaminofen festgesetzt hat. „Ich bin in diesem Haus geboren“, sagt sie. Früher hat sie hier Hunderte Gäste versorgt, heute öffnet sie nur noch die kleine Stube. Ab und zu gibt es eine Taufe, öfter eine Beerdigung. „Meine Söhne sind fortgezogen, dann war es schwer, Personal zu finden“, sagt Bechter. Sie selbst hat keinen Führerschein, ihr wichtigster Versorger ist deshalb der Supermarkt gleich nebenan. „Der ganze Ort hängt an diesem einen Markt“, sagt sie und dreht sich zu einem Gast. „Sag, bringst mir das nächste Mal bitte Eier mit?“
Laut einer aktuellen Studie der KMU Forschung Austria ziehen sich die Nahversorger:innen gerade besonders schnell aus dem ländlichen Österreich zurück.
Und was passiert dann?
Eigeninitiative. Und Erfindergeist zum Beispiel. In Waidhofen an der Ybbs etwa betreibt ein Bauernladen vier Selbstbedienungsfilialen: Man nimmt, scannt, zahlt und anschließend kommt jemand zum Nachschlichten. In Waidhofen klappt das gut, allerdings hat die Bezirksstadt im südwestlichen Niederösterreich inklusive der Umlandgemeinden auch 11.000 Einwohner:innen. Im niederösterreichischen Weinburg wiederum hat die Gemeinde den Supermarkt kurzerhand selbst übernommen, nachdem sich kein privater Betreiber mehr gefunden hatte. Seither führt sie den kleinen Laden als kommunales Projekt weiter. Das bringt zwar kaum Gewinne, sichert aber die Versorgung und hält den Ort lebendig.