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Martina Bachler
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Katrin Hornek, Michael Wagreich, Constance Litschauer

Geschichte

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Dass es in Österreich jede Menge Wasser gibt, wissen wir. Dass man damit Energie gewinnen, darin baden oder es einfach nur trinken kann, wissen wir auch. Dabei hat unser Wasser auch eine magische touristische Anziehungskraft. Auf Menschen, die in ihrer Heimat nicht so wahnsinnig viel davon haben. Wir haben diese Wassertouristen im Pinzgau besucht.

Grabung Karlsplatz
c Stadtarchaeologie Litschauer S1 Ueberblick Karlskirche SW 2 1

Die Anthropocene Working Group hat weltweit zwölf Orte daraufhin untersucht, ob sich an ihrem Beispiel ein neues Erdzeitalter zeigen lässt: das Anthropozän. Der Wiener Karlsplatz war einer davon.

Wenn man Michael Wagreich in seinem Arbeitszimmer besuchen will, geht man an ein paar sehr alten Kommoden vorbei, die in dem hellen, hohen, weißlastigen Gebäude der Universität Wien im neunten Bezirk seltsam deplatziert wirken. Man passiert ein Saurier-Skelett, das mehr oder weniger im Gang steht, und auch ein paar andere Dinge, die von anderen Zeiten erzählen. Schnell ist klar: Die Studierenden, die hier in kleinen Grüppchen um Tische und Steckdosen herumsitzen, haben ein gewisses Interesse an der Vergangenheit. 

Michael Wagreich ist gerade aus China zurück, aus Xi’An, der früheren Kaiserstadt. Er war aber weder wegen der Terrakotta-Armee dort, noch um die alte Stadtmauer und die Paläste zu sehen. Eine Reise in die Vergangenheit war es trotzdem, wenn es auch weit nicht so lange zurückging wie im alten China. Wagreich und sein Team hatten am Wiener Karlsplatz eine Bodenprobe genommen und nach Xi’An in ein Labor gebracht. Sie wollten wissen, ob der Wiener Boden Iod-129 enthält, ein strahlendes Radionuklid, das bei Atomwaffentests entsteht, durch die Luft verbreitet wird und sich im Boden festsetzt, wo es dann ein paar Millionen Jahre lange bleibt. Die Wiener Forscher:innen hatten recht: In ihrem Boden war Iod-129 enthalten. Nur in kleinen, ungefährlichen Spuren, aber dennoch. Das zu wissen, bringt Wagreich in seiner Forschung wieder ein Stück weiter.

Michael Wagreich ist Geologe, er beschäftigt sich mit Erdzeitaltern und ist gewohnt, in großen Zeitspannen zu denken. Er ist aber auch ein Mann der Gegenwart, und deswegen gehört er zur Gruppe jener Forschenden, die in der sogenannten Anthropocene Working Group (AWG) der Frage nachgehen, ob wir uns in einem neuen Erdzeitalter befinden, das sich dadurch auszeichnen soll, dass die Welt wie nie zuvor von Menschen beeinflusst wird: das Anthropozän. Die Frage ist weit über die Universitäten hinaus interessant, Wien spielt darin eine wichtige Rolle und Iod-129 kann ein Hinweis darauf sein, dass das so ist.

Aber von Anfang an: Das Schlagwort Anthropozän gibt es seit dem Jahr 2000. Damals haben es der niederländische Nobelpreisträger Paul Crutzen und der US-amerikanische Biologe Eugene Stroemer in die wissenschaftliche Diskussion eingeworfen, um daran festzumachen, wie rasant sich die Erde seit dem Beginn der Industrialisierung verändert hat, selbst an Orten, an denen noch nie eine Dampflok oder einer ihrer Nachfolger stehen geblieben ist. Die Konzentration von Kohlenstoffdioxid stieg global an, Flüsse wurden begradigt, Flächen verbaut oder bewirtschaftet, an manchen Stellen blieb kein Stein auf dem anderen, und all das veränderte unsere Ökosysteme. Ist das nicht Grund genug, dafür ein eigenes Zeitalter auszurufen? 

Während viele Naturwissenschaftler:innen, Künstler:innen und Intellektuelle das Anthropozän schon akzeptiert haben, pocht die Geologie, die ja für solche Epochenbestimmungen zuständig ist, auf die Einhaltung ihrer Regeln. Erdzeitalter dauern Millionen oder sogar Hunderte Millionen von Jahren. Aktuell befinden wir uns im Holozän, das ist aber gerade einmal 11.700 Jahre alt. Warum sollte man als Internationale Kommission für Stratigraphie, die für die Einteilung von Erdepochen zuständig ist, also gleich wieder eine neue ausrufen? Wagreich sagt, dass es dafür einen guten Grund gibt: „Durch den Menschen sind in den vergangenen Jahrzehnten enorm schnell enorm große Veränderungen gekommen, die sich auch nicht mehr umkehren lassen. Schauen Sie aus dem Fenster – da sieht es heute doch deutlich anders aus als vor ein paar Tausend Jahren.“ Manchmal muss man das Offensichtliche ansprechen. Das Tempo, mit dem der Mensch zuletzt eingriff, wird immer noch oft unterschätzt.

Funde c Hornek

Als der Platz vor dem Wien Museum 2019 aufgerissen wurde, sammelten Wissenschaftler:innen Funde wie Scherben, Helme, Abzeichen, Zahnbürsten und Sedimente, die sich hier abgelagert hatten, bevor der Platz Ende der 1950er-Jahre planiert und teils gepflastert worden war. Am Karlsplatz wurden deshalb vor allem aus den oberen Schichten zahlreiche Proben genommen und analysiert.

Die Geschichte der Erde lässt sich an ihren Schichten ablesen, die ewig gleich bleiben, sich langsam wandeln und sich ab einem bestimmten Punkt deutlich anders zusammensetzen. Die Kreidezeit hat ihren Namen etwa tatsächlich, weil die Erdschichten plötzlich global viel Kreide enthielten. Die Anthropocene Working Group (AWG), der Wagreich angehört, sucht nun quasi nach der Kreide der Jetztzeit. „Wir brauchen Marker, an denen sich festmachen lässt, dass ein neues Zeitalter beginnt“, sagt Wagreich. Dafür müsse eine Einlagerung überall zu finden und überall ungefähr zur gleichen Zeit erstmals aufgetreten sein. Glas, Beton oder Plastik fallen als Marker aus, denn all diese Spuren des Menschen gibt es teils schon länger, allerdings oft nur regional beschränkt, bis es Mitte des vergangenen Jahrhunderts dann überall damit losging.

Die AWG hat die große Suche 2019 auf zwölf Orte auf der Welt fokussiert, um unter ihnen den einen zu finden, anhand dessen sich das Anthropozän am besten festmachen lässt. Das perfekte Beispiel sozusagen. Einer dieser zwölf Orte ist Wien. Genauer gesagt der Wiener Karlsplatz, und das war Zufall. Wagreich arbeitete bereits mit der Wiener Stadtarchäologie zusammen, um sich die menschlichen Spuren im Wiener Untergrund anzuschauen, als 2019 für den Neubau des Wien Museums der Karlsplatz aufgerissen wurde. Anders als bei herkömmlichen Baustellen war hier auch eine interdisziplinäre Gruppe aus Wissenschaft und Kunst dabei, um in die Grube zu steigen, Schichten zu messen und Proben zu nehmen. „Die Stadtarchäologie interessiert sich ja vor allem für die Römer, für sie sind die oberen Schichten weitgehend uninteressanter Schutt“, sagt Wagreich. Oft sieht er das ähnlich, dieses Mal aber nicht. 

Die Schichten unter dem Karlsplatz erzählen nämlich seine jüngere Geschichte: Man erkennt, wann der Wienfluss hier eingedämmt wurde und dass das Eisen im Boden mit den Gießereien in der Gußhausgasse zusammenhängt. Man findet die Überreste der Markthalle, die hier 1936 abgerissen wurde, und Helme, Abzeichen und weitere Referenzen aus dem Zweiten Weltkrieg, die auch irgendwie hier landeten. All das wurde Ende der 1950er-Jahre zugedeckt, als das Wien Museum gebaut wurde. 

Gerade die oberste Schicht, die bis Ende der 1950er-Jahre hinzugekommen sein muss, war für Wagreich und seine Kolleg:innen interessant. Die AWG hatte da schon die Idee, dass radioaktive Stoffe wie Iod-129 oder Plutonium Marker für das Anthropozän sein könnten. Sie gelangten mit den überirdischen Atomtests nach dem Zweiten Weltkrieg in die Luft, also genau zu jenem Zeitpunkt, als die große Beschleunigung auch beim Einsatz fossiler Brennstoffe und Kunststoffe begann. Tatsächlich konnte das Wiener Team zunächst Plutonium und nun auch Iod-129 im Karlsplatz-Boden belegen. „Das war der erste Nachweis in einem städtischen Gebiet und deshalb wichtig für die Working Group und ihre These, dass dieser Marker weltweit vorhanden ist“, sagt Wagreich. Die Radionuklide sollen neben Rußpartikeln aus Industrie, Mikroplastik und Veränderungen der Kohlenstoff- und Stickstoffchemie durch Treibhausgasemissionen die vielleicht stärksten Marker für das Anthropozän sein.

Proben Aufbereitung Hornek

Auf Spurensuche: Was sich im Boden ablagert, kommt oft aus der Luft und nicht alles ist durch einfache Tests nachweisbar. Bei Mikroplastik und auch bei radioaktiven Stoffen ist es besonders schwierig und erfordert die Expertise spezieller Labore.

Wenn heute vom Anthropozän die Rede ist, dann steht es fast schon automatisch für die negativen Folgen, die viele Eingriffe in die Natur mit sich gebracht haben. Die Definition eines Erdzeitalters beginnt aber nüchterner: „Wir versuchen, die Veränderungen wissenschaftlich zu erfassen und nicht zu bewerten, welche Auswirkungen diese haben“, sagt Michael Wagreich. Auch er ist aber oft erschrocken, wie schnell sich von der Atmosphäre bis zum Meeresboden alles geändert hat und wie entspannt wir hinnehmen, dass wir etwa fast noch nichts darüber wissen, was Mikroplastik bewirkt, obwohl wir es schon in menschlichen Gehirnen finden. Aber kann das Wort Anthropozän daran etwas ändern? „Vielleicht erschreckt es uns, wenn feststeht, dass wir in einem neuen Zeitalter leben, in dem sich die Spuren des Menschen so deutlich zeigen, und vielleicht hilft es uns, endlich zu verstehen, dass alles mit allem zusammenhängt“, sagt Wagreich.

Von Anfang an hat die Anthropocene Working Group deshalb darauf gesetzt, dass Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenarbeiten. „Dass der Mensch ein eigener Faktor im Erdsystem ist, ist neu. Wir lernen gerade, dass Naturgeschichte nicht einfach so passiert, und das ändert, wie wir die Vergangenheit, aber auch die Zukunft sehen“, sagt Eva Horn. Die aus Deutschland stammende Literaturhistorikerin ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Wien. Als sie dazu forschte, warum die Zukunft heute als Katastrophe gesehen wird, kam ihr der Begriff Anthropozän erstmals unter, heute leitet sie das Vienna Anthropocene Network der Universität Wien. Forscher:innen aus allen Gebieten gehen hier miteinander den Fragen nach, die das Anthropozän aufwirft. 

„Wenn sich der gesamte Planet so schnell verändert wie in den vergangenen 70 Jahren, dann betrifft das nicht nur die Naturwissenschaften, sondern dann sind auch die Geistes- und Sozialwissenschaften gefragt, um herauszufinden, warum das so ist“, sagt Horn und gibt ein paar Beispiele, wie Forschende das angehen: Geht es dabei um technologische Entwicklungen? Geht das mit geistigen oder kulturellen Umbrüchen einher? Und wie sehen wir die Zukunft, wenn wir den Weg, auf dem wir in die Gegenwart gekommen sind, jetzt nicht mehr als Fortschritt beschreiben sondern als Weg von folgenreichen Irrtümern? 

Momentan sehen wir laut Horn die Zukunft eher pessimistisch, seien aber dennoch nicht bereit dafür, entscheidende Dinge zu ändern. Aber wird ein neues Zeitalter daran etwas ändern? Für die Literaturwissenschaftlerin liegt die Chance darin, dass wir verstehen, dass menschliches Handeln Folgen für die gesamte Erde hat. „Wenn wir eine Gesellschaft beschreiben, dann geht es eben nicht nur um ihre ökonomischen und sozialen Verhältnisse, sondern dann müssen wir auch fragen, wie die Menschen heizen, sich fortbewegen und ernähren“, sagt Horn.

Auch wenn man versucht, das alles analytisch zu beschreiben, taucht irgendwann dabei die Frage der Verantwortung auf. „Wir haben die Information über die Dinge, die wirklich großen Schaden für die Menschen in der Zukunft bedeuten können. Wenn wir sie nicht ändern, handeln wir verantwortungslos“, sagt Eva Horn. Dass Menschen seit wirklich sehr langer Zeit auf diesem Planeten leben, ihn aber in kürzester Zeit gefährden konnten, ist für viele trotz aller Studien, die das belegen, immer noch sehr schwer zu glauben. Vielleicht kann die Arbeit am Bestimmen des Anthropozäns das tatsächlich ändern. 

Im Juli hat die AWG aus den zwölf ausgewählten Orten den Lake Crawford im Osten Kanadas und nicht den Karlsplatz als ideales Beispiel herangezogen. In seinem Untergrund lässt sich wirklich Jahr für Jahr ablesen, was sich geändert hat. Jetzt muss die nächste Kommission entscheiden, ob die Entscheidung wirklich ganz nach oben, ins höchste Gremium der Geologie geht. Sie beschließt dann, ob wir uns auch ganz formell in einem neuen Zeitalter befinden.

Auch im Lake Crawford fand sich Plutonium, und vielleicht ist dieser radio­aktive Stoff nicht nur aufgrund seiner zeitlichen Einordenbarkeit ein guter Marker für das Anthropozän. Es kam in die Luft, weil die Menschheit an eine neue Technologie und den Fortschritt durch
Atomkraft und Atomwaffen glaubte. Aber als sie feststellte, welche verheerenden Auswirkungen diese Tests hatten, hörten sie auf
damit. Ein internationales Abkommen begrenzte im Jahr 1963,
mitten im Kalten Krieg, den Schaden. Auch wenn Frankreich und
China ihm bis jetzt nicht beigetreten sind, zeigt dieses Beispiel:
Veränderung ist möglich. Auch im Sinn des Planeten.

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Martina Bachler
erschrickt regelmäßig darüber, wie stark Menschen den Planeten allein in den vergangenen 20 Jahren verändert haben. Sie hofft, dass die Vernunft sich durchsetzt, und zwar schnell.

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