Wilde Genies
Der Erfindergeist der Tiere
Lange Zeit glaubte man, Tiere würden nur stumpf ihren Instinkten folgen. Inzwischen weiß man aber: Viele Arten sind zu erstaunlicher Kreativität fähig. Sie tricksen, nutzen Werkzeuge und lernen voneinander. Ja, einige von ihnen sind sogar ziemlich geniale Erfinder.
Kolkrabe
Der Drahtzieher
Zugegeben, der Kolkrabe zählt nicht gerade zu den sympathischsten Waldbewohnern. Er ist stur, eigenwillig, und wenn es sein muss, zieht er sich für eine halbe Ewigkeit zurück, um an einer Lösung zu tüfteln. Ja, der Kolkrabe ist kauzig, aber er ist eben auch ein kleines Genie: Er biegt Drähte zu Haken, nutzt Stöcke als Werkzeuge und stapelt Steine, um an Futter zu gelangen. Und manchmal kombiniert er sogar mehrere Teile zu kleinen Maschinen. Dahinter steckt weit mehr als bloßer Instinkt: Kolkraben verstehen nämlich Ursache und Wirkung, sie können mehrere Schritte im Voraus planen und lassen sich selbst von Fehlschlägen nicht entmutigen.
Fischotter
Der Bastler
Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Spielerei: Ein Fischotter liegt auf dem Rücken im Wasser, jongliert Steine oder klopft Muscheln auf. Dahinter aber steckt eine ausgeklügelte Methode. Fischotter nutzen Steine nämlich als Werkzeuge – mal als Hammer, mal als Amboss – und knacken damit selbst harte Schnecken und Krebse. Manche haben sogar einen Lieblingsstein, den sie wie eine Werkzeugkiste mit sich herumtragen. Der Fischotter ist, wenn man so will, der MacGyver des Flusses, ein improvisierender Bastler, der manchmal ganz nebenbei neue Lösungen findet.
Eichhörnchen
Der Trickser
Es täuscht Rivalen, legt Scheinverstecke an und findet Lücken, die andere übersehen. Wenn ein Artgenosse zuschaut, vergräbt das Eichhörnchen demonstrativ eine Nuss, nur um sie gleich wieder auszugraben und heimlich woanders zu verstecken. Und wenn ein Futterspender eigentlich diebessicher sein soll, ist das für das Eichhörnchen nur eine Einladung. Mit Geduld und schlauen Manövern knackt es selbst die kompliziertesten Konstruktionen. Das Eichhörnchen ist so etwas wie der Danny Ocean unter den Waldbewohnern, ein kleiner Gauner, der ständig neue Tricks auf Lager hat und seine Konkurrenz übers Ohr haut.
Blaumeise
Die Lifehack-Influencerin
In jeder Gruppe gibt es diese eine Freundin, die für alle möglichen Alltagsproblemchen eine schlaue Lösung parat hat. Der Absatz der Lieblingsstiefel ist abgebrochen? Kein Thema, Kaugummi drunter und der Abend ist gerettet. Kabelsalat? Leere Klopapierrolle drumherum, schon herrscht Ordnung. Genau so eine ist die Blaumeise. Sie benutzt nicht nur Werkzeug, um an Futter zu gelangen, Forschende beobachteten auch, wie englische Blaumeisen Milchflaschen anpickten, die vor den Haustüren standen. Mit einem gezielten Schnabelhieb durch die Alufolie holte sich die Meise den fetten Rahm. Ein Trick, den die gefinkelten Blaumeisen schnell verbreiteten – plötzlich konnte man quer durchs Land Meisen beim Milchklauen erwischen.
Ameise
Das-Start-Up-Kollektiv
Die Ameise hat, so ehrlich muss man sein, nicht gerade die besten Voraussetzungen, um wirklich Weltbewegendes zu erreichen. Ihr Hirn ist winzig, ihr Körper zart gebaut und ihre Welt kaum größer als ein paar Grashalme. Trotzdem errichten Ameisen ganze Hightech-Bauten mit Belüftung und Klimaanlage, sie bauen Brücken aus ihren eigenen Körpern oder schwimmende Floße. Sie legen ausgeklügelte Straßennetze an, die sich je nach Verkehrsaufkommen ändern, und bauen Vorratskammern, die über Monate Nahrung frisch halten. Wie das geht? Ameisen arbeiten im Team, jede kennt ihre Aufgabe, jede trägt ihren Teil bei und gemeinsam entsteht das, was man als Schwarmintelligenz bezeichnet: ein Kollektiv-Gehirn, das klüger, schneller und kreativer ist als ein Einzelner sein kann.
Hummel
Die Avantgarde-Künstlerin
Für die Pragmatiker:innen unter uns mag das, was Künstler:innen tun, manchmal, nun ja, überflüssig wirken. Und auch bei der Hummel könnte man sich fragen, was an ihrem Verhalten eigentlich so gerissen sein soll: Sie rollt kleine Bälle vor sich her, und zwar nicht aus Notwendigkeit, sondern wie in einer Performance, scheinbar ohne Ziel. Das Besondere daran: Unter Tieren ist es ungewöhnlich, etwas ohne Zweck zu tun. Manche Forscher:innen vermuten, dass sich Hummeln so entspannen, andere sehen darin reines Vergnügen. Sicher ist: Sie tun etwas, das kein offensichtliches Ziel hat und genau deshalb so innovativ ist. Avantgarde heißt schließlich: Etwas tun, das es noch nie gegeben hat. Grenzen sprengen, Regeln missachten, Neues ausprobieren.
Tierische Tüftler
Begonnen hat alles vor ziemlich genau zehn Jahren mit ein paar umgeworfenen Mülltonnen am Rande des Stanwell Parks in Sydney. Wochenlang verwüstete jemand die Vorgärten mit Müll. Erst vermutete man jugendliche Vandalen oder andere Störenfriede dahinter, bis ein Video im Netz auftauchte, das die wahren Übeltäter zeigte. Zu sehen war ein Gelbhaubenkakadu, der mit Schnabel und Fuß den Deckel einer Mülltonne anhob, geschickt am Rand entlang balancierte und den Deckel nach hinten fallen ließ, um die Tonne zu leeren. Das Verhalten machte offenbar schnell Schule: 2015 wurde der Trick nur in einem Gebiet beobachtet, 2018 schon in dreien und ein Jahr später plünderten Kakadus auf diese Weise Mülltonnen in mehr als 40 Gegenden. Mittlerweile hat sich an Australiens Ostküste ein regelrechtes Wettrüsten entwickelt: Die Anwohner:innen beschwerten die Deckel mit Ziegelsteinen, Wasserflaschen oder sicherten sie mit Seilen und Fallen. Doch vergeblich, die Vögel durchschauten die Tricks und lernten voneinander.
Was die Bewohner:innen ziemlich verärgerte, weckte zugleich das Interesse von Verhaltensforscher:innen. Denn die Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen, Innovationen zu entwickeln – vom Fahrrad bis zur KI – und dieses Wissen weiterzugeben, galt lange als typisches Merkmal menschlicher Kultur. So entstanden Waschmaschinen, Atombomben oder das Internet. Tiere hingegen, so dachte man bis vor kurzem, seien allein von Instinkten gesteuert und könnten höchstens einfache Handlungen erlernen. Diese Ansicht hat das Video von den Gelbhaubenkakadus ein Stück weit verändert. Heute, etwa zehn Jahre später, fordern immer mehr Wissenschaftler:innen, den Intelligenzbegriff auch auf Tiere auszuweiten. Immerhin lassen sich auch bei ihnen Fähigkeiten beobachten – etwa Entscheidungsfindung oder das Lösen komplexer Probleme –, die man früher ausschließlich dem menschlichen Verstand zuschrieb.
Und die Kakadus sind dabei längst nicht die einzigen Tiere. Krähen etwa knacken Nüsse, indem sie sie auf Straßen fallen lassen und warten, bis Autos sie aufbrechen. Eichelhäher verstecken Hunderte Samen an unterschiedlichen Orten und finden sie Monate später wieder. Dohlen lernen, wie man komplizierte Verschlüsse öffnet, um an Futter zu kommen. In Flüssen nützen Fischotter Steine, um Muscheln aufzuschlagen, und Igel rollen leere Schneckenhäuser vor sich her, um an den letzten Rest Nahrung zu gelangen. Und selbst die Kleinsten haben manchmal große Ideen: Honigbienen etwa beobachten einander und lernen so neue Wege, um an Futterquellen zu gelangen. Und in Städten öffnen Meisen gezielt Milchflaschen vor Haustüren. Ein Verhalten, das sich in ganz Europa verbreitet hat.
Erfinderische Tiere erkennen Chancen in ihrer Umgebung und setzen gefundene Lösungen wiederholt ein, erklärt die Kognitionsbiologin Alice Auersperg. Sie leitet an der Universität Wien eine Forschungsgruppe, die sich mit Intelligenz und Problemlöseverhalten von Vögeln beschäftigt. In einer idealen Welt, in der ein Tier immer alles Nötige vorfindet, würde solch erfinderisches Verhalten wohl kaum entstehen. Beim Menschen ist es im Übrigen nicht anders: Praktisch alle Erfindungen – vom Feuer bis zum Penicillin – sind aus einer gewissen Not entstanden. Entscheidend dabei ist, wie flexibel ein Individuum auf neue Anforderungen reagieren kann. „Intelligenz ist für mich die Flexibilität des Geistes. Diese Flexibilität entsteht im Zusammenspiel mit der Komplexität der Umwelt“, sagt Auersperg. Dass Menschen nicht einzigartig sind in ihrer Fähigkeit, Probleme zu lösen, zeigt nicht zuletzt der Müllstreit mit den Gelbhaubenkakadus in Sydney. Jede Seite, Vögel wie Menschen, reagiert, lernt und optimiert ständig ihre Strategie.